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KUVA Kunstsymposion

25.09.–01.10.2020 | TURM 9 – STADTMUSEUM LEONDING
KUVA KUNSTSYMPOSION »einfach.wohnen«
02.10.2020 | 19 Uhr | TURM 9 – STADTMUSEUM
VERNISSAGE »einfach.wohnen«
SONDERAUSSTELLUNG 03.10.2020 – 28.03.2021

Die KUVA hat acht bildende Künstler*innen eingeladen, ihre Ideen zum Thema „einfach.wohnen“ in einer Symposionswoche umzusetzen. Für diese eine Woche verlegen die Kunstschaffenden ihre Ateliers ins Turm 9 – Stadtmuseum und arbeiten dort öffentlich.
Das bietet dem Publikum die Möglichkeit, den Künstler*innen bei ihrer Arbeit zuzuschauen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen oder sich sogar selbst einzubringen. Das Symposion schließt mit einer Vernissage und mündet damit in die nächste Sonderausstellung.

ACHTUNG: Erweiterte Öffnungszeiten und freier Eintritt zum Kunstsymposion
Mo–Sa 14–18 Uhr, So 10–16 Uhr

Zu sehen sind Werke der Symposionsteilnehmer*innen Sylvia Berndorfer, Renate Billensteiner, Linda Blüml, Margit Greinöcker, Reinhard Jordan, Melanie Ludwig, Elke Sackel, Adriana Torres Topaga.

Margit Greinöcker – Wohnparadies

Wird es in der Stadt zu eng oder das Wohnen zu teuer, dann folgt die Überlegung aufs Land zu ziehen und dort den persönlichen Wunschtraum vom Wohnen wahr werden zu lassen – am besten in einem schönen Neubau. Gründe dafür gibt es genug. Und so werden aus landwirtschaftlichen Nutzflächen und fruchtbaren Ackerböden mit den Jahren dicht bebaute Siedlungen. Wie sieht eigentlich der Traum vom Wohnen in Leonding aus? Wie und wo wurde in den letzten 30 Jahren hier gebaut? Und wie könnte sich dieser Wohntraum fortsetzen? Die Künstlerin entwirft ein paradiesisches Immobilienszenario.

Margit Greinöcker arbeitet an der Schnittstelle Architektur, Gesellschaft, Kunst. Sie untersucht die gebaute und gelebte Umwelt mit unterschiedlichen Medien und Praktiken.


Foto: Margit Greinöcker

Reinhard Jordan – Zwischen den Stühlen

Reinhard Jordan ist dem Beziehungsleben der gemeinen Dinge des Alltags auf der Spur. Der Titel „Zwischen den Stühlen“ bezieht sich auf den bevorzugten Gegenstand des Interesses – den Stuhl – und sein Verhältnis zu seinesgleichen, wie auch auf den formal offenen Prozess der Werkfindung.

Die Zusammenführung scheinbar unvereinbarer Dinge oder die unsinnige Verwendung sinnvoller Dinge sind dabei zwei mögliche Methoden, um Erkenntnisse zu provozieren oder Verhältnisse zu illustrieren. Das Ergebnis ist naturgemäß offen und unvorhersehbar, weil auch abhängig vom Ausgangsmaterial.

Reinhard Jordan ist bildender Künstler mit Schwerpunkt Skulptur. Der klassisch ausgebildete Bildhauer entwickelt u.a. Skulpturen mit Gebrauchsgegenständen und Möbelstücken.
www.reinhard-jordan.at


Foto: Reinhard Jordan

Elke Sackel – einfach anders wohnen?

„Holt die Wäsche von der Leine, die Zigeuner kommen!“, rief man noch vor gar nicht so langer Zeit, wenn sich Sinti, Roma oder Jenische dem Dorf näherten.

Seit der landwirtschaftlichen Revolution hat sich die sesshafte Lebensweise auf der ganzen Welt durchgesetzt. Menschen ohne festen Wohnsitz bilden heute fast überall nur mehr eine kleine Minderheit und wecken besonders in den industrialisierten Gebieten des Westens Misstrauen und Angst. Was ist es, das die sogenannten „Fahrenden“ so verdächtig und bedrohlich macht? Was unterscheidet sesshafte und nicht sesshafte Menschen voneinander?

In diesem Projekt wird es vor allem darum gehen, eine neutrale Beobachterposition einzunehmen und mit künstlerischen Mitteln ausgewählte Aspekte des sesshaften und des nomadischen Lebens zu untersuchen


Foto: Elke Sackel

Melanie Ludwig – Marmorflimmern

„Welcher Sache gilt meine Erinnerung?“

In ihrer filmischen Arbeiten kommt Melanie Ludwig immer wieder auf die Erinnerung zu sprechen, dabei arbeitet die Künstlerin auch mit Film und Fotomaterial aus ihrer Familie, das sie bearbeitet, entfremdet und in neue Zusammenhänge stellt.

Auch bei „Marmorflimmern“ ist ein kurzer Videoausschnitt eines Familientreffens Ausgangsmaterial. Ludwig interessieren die Posen, die die Personen darin einnehmen: ein Gemälde, ein belebtes Bild, ein Tableau Vivant. Ein Gastmahl der Statuen, bewegt und belebt, festgehalten, verflossen, vergessen.

„Was horte ich wie ein Eichhörnchen?“

Schon der Film selbst wurde beim Digitalisieren beschädigt, die Animation überlagert und abstrahiert die Szene weiter. Die Animationsfilmsequenz ist Archivierung und Zerstörung; Erinnerung, Fiktion. Nachzeichnen, Überzeichnen. Annähern, Abtasten, Aneignen. Und Einfühlen.


Foto: Melanie Ludwig

Renate Billensteiner – Just homely

Die Sesshaften durchstreifen nicht mehr das Land, sondern zäunen es ein und nehmen es in Besitz. Sesshaftigkeit bedeutet das Ende einer Bewegung und das Wohnen ist eine ihrer Ausformungen.

Wohnen ist nicht öffentlich, es ist begrenzt auf das Persönliche, Private und Intime. In einer Wohnung fügen sich Bedürfnisse, wie Vertrautheit, Geborgenheit und Sicherheit, in einer ureigenen, individuellen Ausstattung ineinander. Geliebte Objekte, Andenken und Bilder schmücken das häuslich vertraute Refugium, in dem das Außen mit dem Innen verschmelzen kann.

Eine Grunddynamik des menschlichen Lebens ist das Fortgehen und das Zurückkehren. In seinem persönlichen Zuhause als Basis kann der Mensch verwurzelt sein, ihm angehören und die Spannung zwischen zwei Welten bewältigen.


Foto: Renate Billensteiner

Linda Blüml – Eufemia Design House

Wohnen als Ausdrucksform des Individuums, von Familientradition oder Kultur ist nicht immer möglich. Durch Krieg und Vertreibung kann die gewählte Form des Wohnens unterbrochen oder zerstört werden. Durch den Zufall von Herkunft oder Hautfarbe bleibt vielen Menschen in unserer von Herrschaftssystemen bestimmten Welt der freie Ausdruck der Persönlichkeit oder Kultur verwehrt.

Indem das aus Müll gebaute Shelter eines Slums oder Refugee Camps zum Gestaltungskonzept erhoben wird, kann das Eufemia Design House die Not von Geflüchteten oder Menschen am Rand von Wohlstandsgesellschaften relativieren und verharmlosen. Es ist „Social Washing“ im Architekturbereich. Damit sich der moderne Kolonialismus in seinen vier Wänden weiterhin wohlfühlt, anstatt von medialen Schreckensbildern zu unliebsamen Gewissensbissen gedrängt zu werden.

Für das Modell des Eufemia Design House will Linda Blüml die Bildhauerei mit ihrer Erfahrung aus dem Film-Modellbau kombinieren. www.lindablueml.de


Foto: Linda Blüml

Adriana Torres Topaga – Cacharreo

„Cacharreo“ ist eine Improvisationspraxis in Kolumbien und zusätzlich eine Reflexionsform über Konsum und kollektiven Austausch sowie deren Auswirkungen.

cacharrear: stammt von dem Wort cacharro ab, welches Krimskrams bedeutet; als Verb deutet es auf eine Aktivität des Experimentierens ohne Vorkenntnisse hin; der Versuch einen Gegenstand oder eine Maschine zu reparieren ohne professionelle Kenntnisse darüber zu besitzen.

Die Leondinger Bevölkerung ist eingeladen, während der Künstlerresidenz ihre „Cacharros“ oder Teile davon zu sammeln um zusammen ein gemeinsames „Haus“ zu bauen. Üblicherweise werden die alten Objekte in Österreich entsorgt, nach dem „Cacharreo-Prinzip“ repariert, oder sie finden einen neuen Nutzen oder symbolischen Wert.

Diese Aktions-Skulptur wirft die Frage auf, wie mit diesen Dingen, mit denen wir wohnen, auf einer kollektiven Ebene umgegangen wird.


Foto: Adriana Torres Topaga

Sylvia Berndorfer – Oft so herzlich lebensmüde

„Was kümmert mich der Schiffbruch der Welt, ich weiß von nichts als meiner seligen Insel“

Der deutsche Dichter und Theologe Friedrich Ch. Hölderlin wurde vor 250 Jahren geboren und lebte bis zu seinem Tod 36 Jahre lang in einem Turmzimmer oberhalb des Neckars in Tübingen. Er galt als psychisch unheilbar krank, und das Zimmer war für ihn sowohl Kerker als auch Tempel.

Die Menschen im Turm, die für ihn sorgten, waren die Mauern, die Hölderlin vor dem kalten Hauche gemeiner Rohheit“, wie es in seiner Grabrede hieß, beschützten.

In ihrer Arbeit Berndorfer Gedichte und Gedanken aus der Turmzeit auf. Mit Hilfe von alten Fotografien und Bildern, mit Tusche und Aquarell entsteht dazu der Versuch, dem Werk und dem Menschen Friedrich Hölderlin, welcher die Hälfte seines Lebens in selbstgewählter Isolation verbrachte, näher zu kommen.


Foto: Silvia Zellinger

Illustration zum KUVA Kunstsymposion: Hanna Primetzhofer