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Sieger*innen Literatur 2018

Wir gratulieren den Siegerinnen!

Siegerinnen Literatur:
Annie Tscharnuter (22) |  Durch Sauerstoffmasken atmen |  Kategorie 20 -25
Katharina Forstner (16) |  Gretchentage |  Kategorie 16-19
Pauline Moser (15) |  November |  Kategorie 12 -15

„Annie Tscharnuter“ (22) |  Durch Sauerstoffmasken atmen |  Kategorie 20 -25

Annie Tscharnuter mit der Autorin und  Moderatorin Dominika Meindl | Foto Reinhard Winkler
Annie Tscharnuter mit der Autorin und Moderatorin Dominika Meindl | Foto Reinhard Winkler

Durch Sauerstoffmasken atmen

Sei kein Fisch, sagt Nesli. Aber Amira ist längst einer. Sie sitzen am Fluss. Ob es in dem Fluss Fische gäbe, fragt Amira. Bestimmt, sagt Nesli, es ist ein Fluss wie jeder andere. Auf der Brusttasche von Amiras T-Shirt steht eingestickt: Mermaids don’t do homeworks. Nesli packt Amira am Arm, rüttelt daran, als müsste sie Amira aufwecken.

 

 

Aber Amira schläft nicht, in ihr wächst nur eine Taubheit. Erst verschiebst du das Treffen, jetzt sagst du nichts, sagt Nesli. Amira sieht ihr ins Gesicht. Nesli versteckt ihre Augen hinter einer Sonnenbrille, ihre Haare unter einem Hidschab. Sie verschränkt die Arme vor der Brust, sieht nach vorne, auf den Fluss, die Einfamilienhäuser auf der anderen Seite oder auf den Berg in der Ferne oder auf etwas ganz anderes.
(…)

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Katharina Forstner (16) |  Gretchentage |  Kategorie 16-19

Katharina Forster bei der Preisverleihung | Foto Reinhard Winkler
Katharina Forster bei der Preisverleihung | Foto Reinhard Winkler

 Gretchentage

Bruno der Tanzbär hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, nach der Pfeife der anderen zu tanzen. Er war aus seiner Mutter getanzt, als der Arzt die Wehen einleitete, er war als junger Mann beim Militär angetanzt, er war bei Ilse angetanzt, als die Majorstochter mit ihm aus dem Stützpunkt durchbrannte, er war in der Kirche angetanzt, als die Glocken zur Hochzeit läuteten, er war stets pünktlich im Büro angetanzt, wenn die Uhr es verlangte und pünktlich zuhause angetanzt, wenn sein Sohn ihn sehen wollte, er war im Krankenhaus angetanzt, als die Ärzte bei Ilse Alzheimer diagnostiziert hatten und nun tanzte er dem ungeduldigen Läuten der Glocke nach an die Tür.

 

Draußen stand Grete und verteilte Flyer für den Gender March. Grete passte recht gut in die Rolle der klischeehaften Aktivistin mit ihrer ausgefallenen Augenbraue (die rechte, rot gefärbt), ihrer ausgefallenen Kleidung (Goa-Hose und Army-Jacke) und der ausgefallenen Tasche (nackte Menschen jeder Hautfarbe und jedes Geschlechts, die sich an die Genitalien griffen), wäre sie nicht schon 67 Jahre alt.

„Kommen Sie nächsten Freitag um 15 Uhr zum Gender March, um endlich Gleichberechtigung für Männer und Frauen zu schaffen!“ (…)

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Pauline Moser (15) |  November |  Kategorie 12 -15

Pauline Moser | Foto Reinhard Winkler
Pauline Moser | Foto Reinhard Winkler

 November 

Im flackernden Licht der alten Straßenlaterne huschte eine Maus über den schmalen Schotterweg, bevor sie auf der anderen Seite hinter einem Busch verschwand und man nur noch ein leises Rascheln vernehmen konnte bis es wieder ganz still war. Es war eine der kalten Nächte, wie sie es Ende November nicht unüblich waren.

Ein paar Schritte weiter, gerade so viele, dass das Licht der Laterne sie nicht erreichte, stand eine alte unscheinbare Holzbank, die auf den ersten Blick leer zu sein schien. Nichts in diesem kleinen Park deutete darauf hin, dass sich hier noch jemand anderes als die eine oder andere Maus aufhielt.

 

Dichte Nebelschwaden schwebten wie weiße Schleier zwischen den kahlen Bäumen, die ihre Blätter größtenteils schon abgeworfen hatten, umher und verliehen dem Ganzen eine düstere Atmosphäre.

Bis die Stille plötzlich unterbrochen wurde als jemand über den Schotterweg lief, direkt auf die flackernde Straßenlaterne zu. Auch ohne die Person zu sehen, konnte man hören, dass sie es sehr eilig hatte, denn die Schritte, die auf dem Kies knirschten, waren schnell und unregelmäßig. (…)

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Die Jury: Stephan Roiss | Yasmin Hafedh aka Yasmo | Stefan Wipplinger

Stephan Roiss,
Autor & Musiker, *1983, lebt in Ottensheim und Berlin. Schreibt Prosa, Lyrik, Theaterstücke, Hörspiele, Texte für Graphic Novels. Als Vokalist/Rapper/Sänger/Texter in mehreren musikalischen Projekten aktiv, z.B. Äffchen & Craigs, Fang den Berg, GIS Orchestra. Erhielt zahlreiche Auszeichnungen & Stipendien (zuletzt Hamburger Stadtschreiber, Gewinn Leipziger Hörspielsommer, Else Lasker-Schüler-Stückepreis, Förderpreis Floriana).

www.stephanroiss.at

Yasmin Hafedh aka Yasmo,
*1990 in Wien, ist eine österreichische Sprachkünstlerin. Ursprünglich vom Poetry Slam kommend hat die Wienerin ihre sprachliche und literarische Auseinandersetzung mittlerweile über die klassische Prosa, lyrische Form und die Dramatik bis hin zum Rap ausgeweitet und wird als eine der besten und erfolgreichsten Texterinnen des Landes gehandelt. Ihren Wurzeln treu bleibend, gewann sie 2009 als erste und immer noch einzige Österreicherin den Titel der deutschsprachigen Meisterin im Poetry Slam in der Kategorie U20, 2013 holte sie sich als erste Frau den Titel der österreichischen Meisterin und nebenher veröffentlichte die Sprachliebhaberin zwei Soloalben („keep it realistisch“, 2011 und „Kein Platz für Zweifel“, 2013) und holte sich eine Nominierung für den FM4 Amadeus Award. 2017 fügte Yasmo ihre Musikalität und ihre Wortgewandtheit mit ihrer 8-köpfigen Jazzband „Die Klangkantine“ zu einem Tonträger zusammen, der bisher den Höhepunkt ihrer Karriere bildet. Hafedh veröffentlichte nebenbei in zahlreichen Literaturanthologien und Literaturzeitschriften und veranstaltet auch selbst Poetry Slam nahe Veranstaltungen.

Ihre Texte stellen einen Diskurs zu systemkritischen Fragen dar, haben einen feministischen Anspruch.

Sie lebt und arbeitet in Wien.

Stefan Wipplinger,
geboren 1986 in Österreich, studierte zunächst Experimentelle Gestaltung an der Kunstuniversität Linz und arbeitete als Regieassistent in der Freien Theaterszene.
Nach einigen Kurzfilmen und Bewerbungen für Filmregie zog er 2011 nach Berlin um Theaterwissenschaft und Philosophie zu studieren.
2012 begann er das Studium Szenisches Schreiben an der Universität der Künste womit er 2016 zum Abschluss kam. Seither wird er vom Verlag der Autoren vertreten.
Sein erstes abendfüllendes Theaterstück „Hose Fahrrad Frau“ wurde 2015 zu den Stückemärkten Heidelberg und Berlin eingeladen und 2016 am Wiener Volkstheater uraufgeführt; kurz darauf erfolgte die deutsche Erstaufführung am Staatstheater Braunschweig.
Er erhielt 2015 das DramatikerInnenstipendium vom BKA Österreich, und 2016 das Mira-Lobe-Stipendium für Kinderliteratur.
Am Theater Koblenz war er 2016/17 Hausautor und für das Schauspiel Bochum schrieb er gemeinsam mit Regisseur Fabian Gerhardt die Bühnenfassung des Romans „Arc de Triomph“.
Momentan arbeitet er an einem Spielfilmdrehbuch.